Die Geschichte der Masurischen Wasserstraßen

Von Dr. K. Ed. Schmidt - Lötzen

(aus den Mitteilungen der Literarischen Gesellschaft
Masovia 28./29. Heft (28./29. Jahrgang)- Lötzen 1924)

Geschichte der masurischen Wasserstraße
---------------------------------------

Von Dr. K. Ed. Schmidt-Lätzen.

Bevor ich von der Verbindung der masurischen Seen durch schiffbare Kanäle spreche, ist es nötig, der merkwürdigen Tatsache zu gedenken, daß diese Seen bedeutende Niveauveränderungen erfahren haben. So erzählt der Königsberger Pfarrer Hennenberger (Gestorben 29. Sept. 16oo), der zur Zeit des Herzogs Albrecht (1525 bis 1568) ganz Preußen (die heutigen Provinzen Ost- und Westpreußen) von Ort zu Ort bereiste, um seine "Große Landtafel von Preußen" 1576 zustande zu bringen (die erste Karte von wissenschaftlichem Wert, die

2oo Jahre lang unübertroffen blieb, in seiner "Erclerung der Preussischen grösseren Landtaffel oder Mappen. Mit leicht erfindung aller Stedte, Schlösser, Flecken, Kirchdörffer, Orter, Ströme, Fliesser, ond See so darinnen begriffen ... Sampt vielen schönen auch wunderbarlichen Historien, guten ond bösen, löblichen ond schentlichen Wercken ond Thaten ... F. Königsberg, bei Georgen Osterbergen 1595." S.6 des Anhangs über "die Angerburgische See":"Ist nach der Besteigung nur ein See; sein zuvor viele gewesen, und hat zwar auch ein jeglich Ort noch seinen sonderlichen Namen", ist ein sehr herrlicher großer See."

Über den Grund dieser Stauung giebt uns der als namhafter Naturforscher bekannte Pfarrer Helwing, lithogr. Angerburg. 1., S.5, nähere Auskunft:" Der Mauersee, welcher sich nach dem Zeugnis des Hennenberger vordem in mehrere kleine Seen teilte, ist damals, teils um die Bestürmung des Schlosses zu hindern, teils zur besseren Benutzung der Frucht- und Stampfmühlen durch einen hoch aufgeschütteten Damm dermaßen angeschwellt worden, daß sie um die Höhe einer Lanze angewachsen und in ein sehr großes Gewässer zusammengeflossen sind", und S. 7 :" Gleichwie aber die übrigen Inseln in diesem See durch die Stauung des Wassers entstanden, so hat auch die Bildung des Steinortschen Werders (der Insel Upalten), wohin man vordem zu Fuß durchwaten konnte, was nun aber wegen der Tiefe und Breite des Wassers untunlich geworden, in nichts als in der Schüttung des Dammes seinen Grund". Wenn wir zu dieser Angabe Helwing's, daß die Anstauung der Seen behufs "besserer Benutzung der Frucht- und Stampmühlen" erfolgt sei, eine noch vorhandene Urkunde des Herzogs Albrecht vom 26. Mai 1554 halten, in welcher dieser dem Krüger Hans Walther zu Angerburg für Abtretung seiner am Schlosse gelegenen Mühle an die Landesregierung zwei Hufen zu kölmischen Rechten verleiht. So werden wir H. Schmidt (H. Schmidt, "Der Angerburger Kreis in geschichtlicher und topographischer Beziehung", Angerburg 186o, S. 51) recht geben, welcher vermutet, daß mit diesem Besitzwechsel die Wasserstandsver-änderungen im Mauersee zusammenhängen. Daß nach der Verlegung der Wassermühle im Jahre 1724 nach ihrer jetzigen Stelle, 2 Kilometer weiter unterhalb, wieder eine Senkung des Wasserspiegels stattgefunden habe, wie Töppen (Töppen, Geschichte Masurens, Danzig 187o, S, 279, Anmerkung.) aus des Angerburger Propstes Pisanski Angabe (Preußisches Archiv, Jahrgang 1793, S.352), "eine kleine, nur 15oo Schritt von dem Pristanschen oder Steinortschen Werder (Insel Upalten) entfernte Insel, auf welcher der Reichsgraf Lehndorff dem Reichsgrafen Henckel von Donnersmarck eine Pyramide von 4o Fuß Höhe zum Denkmal setzte, habe sich zuerst vor ungefähr 5o Jahren formiert", schließen zu müssen glaubt, ist nicht richtig, mindestens kann die Senkung nur unerheblich gewesen sein und ist durch spätere Stauungen mehr als ausgeglichen worden. Das 1/2 Kilometer südlich von jenem Werder gelegene Inselchen, das seltsamerweise die Generalstabskarte nicht aufweise, ist, wie die Familie Lehndorff in Steinort, die auch noch Schriftstücke besitzt, denen zufolge bereits der Oberburggraf Ahasverus Lehndorff (1637, 1627 bis 1688) sich mit der Landesregierung um Senkung des Mauerseespiegels bemühte, nachweisen kann, immer vorhanden gewesen und hing dereinst mit der Insel Upalten zusammen - noch heute geht in trockenen Jahren das Vieh von, hier dort hinüber. Daß der Wasserstand des Mauersees sich immer weiter zu Ungunsten der Anwohner geändert hat, folgt aus H. Schmidt's Angaben, S. 51 f.:" "Sind doch auch von den ursprünglich zu Kehlen verliehenen 6o Hufen fünf dermaßen unter Wasser gesetzt, respektive versumpft, daß diese nach einem Vermerk des Justizamtmanns Boretius zum Grundbuche des ehemaligen Amtes Angerburg vom 5. Juni 1781 schon längst mit den darauf haftenden Gefällen in Abgang gebracht werden mußten, und sind doch noch in diesem Jahrhunderte die Abspülungen des Mauersees so weit gegangen, daß die vorlängs desselben gehende Landstraße bei Pristanien in den dreißiger Jahren nach ihrer jetzigen Stelle verlegt werden mußte. In trockenen Jahren tritt der frühere Zusammenhang des Landes ganz deutlich hervor, indem man dann z. B. von der Insel Kirsaiten nach dem Festlande hei Haarzen mit dem Wagen fahren kann, Wahrscheinlich sind auch die drei Parallelreihen von 17 Pfählen, die man bei den Wasserbauten des Jahres 1856 zur Herstellung einer Dampfschiffahrtsstraße in der Angerapp bei ihrem Ausgange aus dem Mauersee gefunden und entfernt hat, die Überbleibsel einer alten Brücke auf dem vorhin gedachten Wege von Kehlen nach Engelstein gewesen, wie die seitwärts davon im Mauersee gefundenen Pfähle einem Bohlwerke zum Schutze der benachbarten Uferländereien gegen Abspülungen angehört zu haben scheinen."

 

Doch nicht nur der Mauersee, sondern auch die südlich davon gelegenen und mit ihm von jeher in natürlicher Verbindung stehenden Seen haben bedeutende Niveauveränderungen erfahren. So erzählt, alle Nachrichten zusammenfassend, der Kriegsrat Gervais in den "Notizen von Preußen, 2.Sammlung, 1796" S. 95 :" Was den Mauersee betrifft, so ist derselbe vormals wirklich gar kein allgemeiner See gewesen. Es waren in der Gegend desselben nur große Kanäle, und durch Verdämmungen ist nachher erst viel Land unter Wasser gesetzt worden. Von dem adeligen Gute Steinort ist man in vorigen Zeiten zu Fuß auf die ziemlich entfernten und noch vorhandenen Werder gegangen, und vom Dorfe Kehl bis zum Kirchdorfe Engelstein ist ein Weg gewesen, dessen Pflaster man jetzt noch soll bemerken können. Diese Stellen sind gegenwärtig aber unter Wasser. In Ansehung des Löwentinsees bei Lötzen ist auch zu bemerken, daß der Weg vom Schloß nach Biestern hinter der Stadt Lötzen, wo bisher der Löwentin gestauet gewesen, gegangen, ferner hat die Ortschaft Wilkassen auf einer bis jetzt unsichtbar gewesenen Insel Heuschlag gehabt. Bei dem Dorfe Strzelzen ist viel Land überschwemmt und Rohrbrücher bei den Ortschaften Schimonken und Gurkeln, die jetzt ganz verquebbt sind, waren ehemals urbares Land. Was den Spirdingsee betrifft, so sind bei der schon vorhin gedachten, unter dem Namen Teufelsberg bekannten Insel, desgleichen bei Spirdingswerder Stellen, die mehr als loo Hufen enthalten; sie gehören zu den Fischereien des Domänenamtes Arys, können aber wegen der vielen und großen Stubben nicht befischt werden. Bei der Stadt Nikolaiken ist der See da, wo jetzt die lange Brücke stehet, vor Zeiten nur so breit gewesen, daß man mit einem Stein beqyeuem hat überwerfen können."

Während wir nun vom Mauersee ziemlich genau wissen, wann, wodurch und wie hoch er angestaut worden ist, fehlt es bei den andern Seen bezüglich dieser Verhältnisse an bestimmten Nachrichten. Doch werden wir kaum fehlgehen, wenn wir annehmen, daß das durch jenen "eine Lanze (also etwa 3 Meter) hohen" Damm am Abfluß gehinderte und sich stauende Wasser allmählich alle Vertiefungen zwischen dem Mauersee und Spirdingsee, wo wir jetzt neben den zahlreichen Wasserspiegeln die ausgedehnten, zum großen Teiltrocken gelegten Torfbrücher finden, ausfüllte und auch den Wasserspiegel des Spirding noch hob. Eine starke Stauung war gar nicht erforderlich, um bei dem Teufelsberg (der später Fort Lyck genannten Insel) und dem Spirdingswerder viele Hufen Landes unter Wasser zu stehen. Wir können das nun recht gut beurteilen, seitdem die Tiefenverhältnisse der masurischen Seen hauptsächlich durch das Oberfischmeisteramt Lötzen eingehend untersucht worden sind. (W. Ule, "Die Tiefenverhältnisse der masurischen Seen" (Separatabdruck aus dem Jahrbuch der königl. preußischen geologischen Landes- anstalt für 1889), Berlin 189o.

Während das Niveau der an der masurischen Wasserstraße liegenden Seen südlich vom Löwentin bis einschl. des Spirdingsees heute das gleiche ist, nämlich 117,

1 Meter über dem Spiegel der Ostsee (das des Löwentins 116,8, des Mauersees 116,4) bildete der Spirding in der Mitte des 16. Jahrhunderts die Wasserscheide – diese läuft, wie wir an Hand einer guten Karte erkennen können, von den Seesker Bergen südsüdwestlich auf dem Spirding und weiter westsüdwestlich auf die Kernsdorfer Höhen zu – und entsendet nach Norden zum Pregel und nach Süden zur Weichsel seine Wasser. Daß letzteres damals wie heute der Fall war, bedarf keines weiteren Beweises; es führte ja ein schiffbarer Wasserweg, den schon der Hochmeister Windrich von Kniprode 1379 benutzte (als er vom Ordenshause Rhein nach der Johannisburg und weiter die Narew und Weichsel abwärts nach Thorn fuhr), aus dem Spirding durch den Biallolacker und Kesselsee in den Rosch- oder Warschausee, dem dann bei Johannisburg der in starkem Gefälle der Narew zueilende Pissek oder Oischfluß entströmt. Schwieriger ist der Nachweis, das der Spirding auch einen Abfluß nach dem Pregel gehabt hatte. Doch hier kommt uns eine Bemerkung Henneberger`s zu Hilfe. Derselbe erzählt S. 8, daß der Buwelnesee (der bei Przykop durch eine schmale Landenge von dem Woinowsee, einem südlichen Ausläufer des Löwentin, getrennt ist) früher seinen Abfluß nach dem Löwentin, also nach dem Pregel hin gehabt habe, jetzt aber durch den an seiner Südspitze gelegenen Wonszsee nach dem Spirding und also nach Polen habe. Eine Verbindung zwischen dem Buwelnosee und dem Spirding durch den Wonszsee hat immer bestanden; sie heißt in der Handfeste des Dorfes Sasstroßnen vom Jahre 1477 das Schlangenfließ, heute in ihrem nördlichen Teile Sastroßner, im südlichen Wensöwer Fließ. Wenn nun Hennebergers Nachricht richtig ist, was wir nicht bezweifeln dürfen, so muß also vor seiner Zeit die zwischen dem Spirding und dem Südende des Buwelnosees vorhandene Wasserrinne dem letzteren, da er seinen Abfluß nach Norden hatte, wasser zugeführt haben. Später, also wohl nach der Stauung, wurde dies anders, und es trat allmählich der umgekehrte Fall ein. Heute ist wieder wie ursprünglich das Niveau des Spirding (siehe oben) höher als das des Löwentin(dies wird, so dürfen wir schließen, wenn wir die oben erwähnten Angaben des Kriegsrates Gervais und die Tiefenkarten zusammenhalten, vor der Stauung der beiden Seen noch mehr der Fall gewesen sein, etwa 115 zu 114 Meter). Wenn heute trotzdem durch dieses Fließ dem Spirding kein Wasser entzogen wird, so liegt dies an den Wasserverhältnissen des Bowelnosees. Dieser war infolge der Anlage einer Mühle bei Przykop erheblich gestauet worden und hat, obwohl im Jahre 1865 nachdem Abbruch derselben um 2 Meter (Vergl. Statistik des Kreises Lötzen, zusammengefasst vom königl. Landrat Lötzen 1881) gesenkt, doch noch immer ein höheres Niveau als der Spirding /117,4 vor 1865 etwa 119,4 Meter) Daß der Löwentin zur Zeit Friedrichs des Großen durch die Anlage der Kanäle, wovon nachher die Rede sein wird, mit dem südwestlich gelegenen Seen bis zum Talter Gewässer ein Niveau erhielt, folgt aus der Anlage von Schiffsschleusen bei Talten und bei Lötzen; das dies Niveau höher war als das jetzige, ist dem Umstand ersichtlich, daß dasselbe, nachdem die Schleusen 1789 ausgehoben worden waren, vor der Aufräumung der Kanäle und der Beseitigung der letzten Reste der Schleusen noch etwa 118 Meter betrug.

Die vorhin erwähnten Tiefenkarten der masurischen Gewässer helfen uns, um dies noch kurz zu berühren, eine Frage lösen, die Töppen noch nicht hat lösen können. S. 64 seiner Geschichte Masurens führt er die Urkunden an, die über die Teilung der Seen in der galindischen Wildnis zwischen den Ordenshäusern Angerburg und Lötzens zur Zeit des Hochmeisters Dietrich von Altenberg (134o) ausgestellt wurde: " Dys synt die teilungen der Lande tzu galynden tzwischen Angerburg und Letzenburg: von dem Duben öber den Dargen uff das zechen (Seechen), das do heiset Skarsen; das tzu der rechte hand gehört Angerburg tzu, die Mabrow kegen Angerburg und der Schokiske und der Swynteseiten und der Stryngele und der Presister und der Wylkus gros und cleyne und der Dowgepywe und der Presister und der Krewkelyn und die Wedemyn und der zehe in dem walde, der do heiszet Lunkucken; dese vorgenanten zehe gehören tzu Angerburgc. Während wir hier den Mauer- Schwenzait- Strengeler- Possesserer- Wilkus- Goldapgar- (früher auch Golddopiw), Kruglinner, Widminner und Lenkucker See in richtige Reihenfolge von Westen nach Osten aufgeführt sehen, sind wir bezüglich des zwischen dem Mauer- und Schwenzaitsee genannten Schokiske im Unklaren. Wir wundern uns nicht, wenn Töppen erklärt: "Der Schokiske, richtiger wohl Swokisken in der Urkunde (über die Teilungen der Diözese Ermland und Samland) vom 20. Oktober 1340 (" ... abinde ad orificium effluxus praedicti fluvii Angrape usque ad lacum, qui la Swokisken vukgariter vocator) ist nicht mehr aufzufinden; vielleicht gehört er zu den Seen, Welche durch Erhöhung des Niveaus des Mauersees verschwanden." Wenn wir nun die Tiefenkarte dieses Sees näher betrachten, so verkennen wir, daß schon eine Senkung des Wasserspiegels um 2 Meter sein Nordende vollständig von dem südlichen Teil trennen und zwischen den heutigen Inseln Kirsaiten und Wittfong, da wo wir den Namen Kirsaitensee lesen, ein ganz selbständiges Seebecken schaffen würde. Dies ist sicher des Schokiske oder Swokisken. Die in dem Privilegium von Neudorf, späteren Stadt Angerburg, 1513 genannten Seen Lappinge und Theruse von denen Töppen und Schmidt auch vermuten, daß sie im Mauersee verschwanden, sind vielleicht die dicht am Südrande des Schwenzait gelegenen Lemmings- und Harszensee.

 

Die masurischen Seen untereinander durch Kanäle und durch die Angerapp mit dem Pregel in Verbindung zu setzen, soll schon in der Zeit des Ordens beabsichtigt gewesen sein, doch wissen wir darüber nichts Näheres. Daß eine schiffbare Verbindung von Rhein (auf der fast 40 Kilometer langen schmalen, höchstens 2 Kilometer breiten Wasserrinne die im Norden Rheinisches, weiter nach Süden Talter Gewässer zuletzt Beldahnsee heißt über Johannesburg nach der Weichsel bestand, haben wir oben schon gesehen. Auf dem Wege wurde nachweislich am Ende des 16. Jahrhunderts das den Babantfluß herab und über eine Anzahl von Seen, darunter den 8 km langen Muckersee, endlich den in den Beldahnsee mündenden Kruttinfluß herab beförderte Holz nach Danzig und Elbing geflößt. Daß das Bauholz, welches Elbing 1404 aus Masuren kommen ließ, diesen Weg gegangen sei, lässt sich nicht nachweisen; das Holz zur Nogabrücke bei Marienburg wurde 1406 in der Gegend von Neidenburg geschlagen und ging wohl die Drewenz hinab in die Weichsel. Im Jahre 1681 entwarf der Generalquartiermeister von Scheidler den Plan, die zwischen dem Spirding- und Mauersee gelegenen kleineren Seen, den Taltewisko- Kott oder Kotteck-Schimon, Hensel und Löwentinsee untereinander und mit jenen beiden durch Kanäle zu verbinden, um den ausgedehnten Forsten um den Spirding und seinen Nebengewässern Absatz nach den Pregelstädten Insterburg, Wehlau, Tapiau und besonders Königsberg zu verschaffen. Dieser Plan kam damals nicht zur Ausführung, wurde aber in den nächsten Jahrzehnten wiederholentlich erwogen, so 17o1 und 17o3. Man stritt jetzt nur darüber, ob die Verbindung mit dem Pregel, wie der Kriegsrat v. Unftied und der Brigadier v. Kannitz wollten, die Angerapp reguliert oder aus dem Mauersee von Pristanien nach dem Engelsteiner, Nordenburger See und weiterhin nach der Alle Kanäle gezogen werden sollten. Wenige Jahre darauf machte der Oberingenieur v. Collas den Vorschlag, das Rheinische Gewässer mit Benutzung der beiden kleinen nördlich von Rhein gelegenen Seen mit dem nur 4 Kilometer von Rhein entfernten Gubersee, aus dem der Guberfluß der Alle zuströmt, in Verbindung zu setzen, man legte aber immer noch nicht Hand ans Werk, auch nachdem der Ingenieur v. Suchodolletz 1726 seinen Bericht nebst Vorschlag eingereicht hatte. Endlich nach dem Siebenjährigen Kriege kam die Sache durch Domhardt, dem verdienten Patrioten, in Fluß, als derselbe, bis 1763 Präsident der litauischen Kammer in Gumbinnen, in diesem Jahre Präsident beider Kammern in Königsberg geworden war. Während der russischen Occupation (1758 bis 1762) warenbei Königsberg und im Samlande ganze Nadelholzwaldungen herunter gehauen worden, und es herrschte hier seitdem empfindlicher Mangel an Bau- und Brennholz, während in den masurischen Forsten beides im Überfluß vorhanden, aber kein Absatz dafür war. Domhardt betrieb nun die Verbindung der masurischen Gewässer mit dem Pregel auf das eifrigste, nachdem mehrere Wasserbauverständige versichert hatten, daß dies durch die Angerapp am einfachsten und gewinnbringendsten sein werde. Der Plan, den er dem Könige überreichte, fand dessen ganzen Beifall und wurde genehmigt. Im Jahre 1764 begann man mit dem Ziehen der Kanäle, 1765 waren fünf bereits fertig, nämlich der Talter zwischen dem Talter Gewässer und dem Taltowiskosee, der Grünwalder zwischen diesem und dem Kottecksee, der Mniodunsker von hier nach dem Schimon- weiter der Schimonker nach dem Hensel- (der unmittelbar mit dem Jagodner See zusammenhängt) und endlich zwischen dem Löwentin- und Mauersee der Lötzener Kanal. In dem selben Jahre wurden auch noch in diesem und dem Talter Kanal zwei hölzerne Kasten- oder Schiffsschleusen gebaut und aus dem Bette der Angerapp viele große Steine geschafft. 1766 konnte man schon 555 Achtel Holz in Gellen (Jollen) oder Tafeln nach Rhein und Angerburg flößen. In den nächsten Jahren wurde wacker weiter gearbeitet, die Angerapp reguliert, das starke Gefälle verteilt, bei Kieselkemen, Darkemen und Angerburg Flößkanäle gegraben, an diesen drei Punkten, sowie in Guszianka am Südende des Beldahnsees – zum Anschluß höher liegenden, wenigstens 26 Kilometer weit bis nahe an die russische Grenze reichenden Gewässer, deren größtes der Niedersee (nach dem Dorfe Nieden auch Niedener – oder kürzer Nieder See genannt) ist Schiffsschleusen erbaut, in den Seen an den Kanalmündungen Molen und über die Kanäle zehn Zugbrücken angelegt. Kaum war man mit diesen Arbeiten fertig, so machte man böse Erfahrungen. Die Kanäle verflachten durch nachsinkendes Erdreich, ihre Mündungen versandeten, Molen und Schleusen litten durch den Eisgang, Stürme zerschellten auf den Seen das in Tafeln gebundene Holz, und was das Schlimmste war, die Angerapp erwies sich wegen ihres starken Gefälles (106 Meter auf 166 Kilometer oder 50 Kilometer in der Luftlinie- gegen 60 Schleusen wären nötig gewesen, nicht drei!), wegen ihrer Krümmungen und Untiefen zum Flößen von Brennholz nur wenig brauchbar, zum Flößen von Langholz aber fast völlig unbrauchbar. Man beschränkte sich sehr bald auf die Flöße zwischen dem Spirding- und Mauersee.

1770 baute man zehn große, zwei Masten führende Schiffsgefäße, welche je 18 bis 2o Achtel Brennholz fassten und seitdem die bereits eingerichteten Holzgärten in Arys, Sensburg, Nikolaiken, Rhein, Lötzen, Doben und Angerburg versorgen; die Langholzflöße gab man auf. Als die Schiffsgefäße unbrauchbar wurden, baute man keine neuen, weil dies zu kostspielig war und sich nicht bezahlt machte 1789 gab der Staat alle Anlagen auf, ließ auch die Schleusen bis auf die Böden ausheben; drei noch benutzbare Gefäße schafften noch einige Zeit hindurch Balken, Bohlen und Bretter aus den beiden Schneidemühlen zu Nieden und Guszianka, sowie Achtelholz nach Rhein hin. Die Wasserstraße wurde immer unpassierbarer und nur bei hohem Wasserstande ab und zu noch benutzt; so hören wir von einem jüdischen Kaufmann, der im Jahre 1799 aus dem Johannisburger Forst 43 große Masten auf diesem Wege nach Angerburg und von hier die Angerapp und den Pregel hinab (und weiter längs der Deime und über das kurische Haff) nach Memel geflößt hat.

 

Als nach der zweiten und dritten Teilung Polens (1793 und 1795) die Narew ganz und die Weichsel bis hinter Warschau preußische Flüsse geworden waren, hatte man eine Wasserstraße vom Spirdingsee nach Thorn, Danzig und Elbing gewonnen, die nur preußisches Gebiet berührte. Die Arbeiten zur Schiffbarmachung des Pissek, dessen Länge vom Rosch- oder Warschausee bis zum Einflusse in die Narew etwa 70 Kilometer und dessen Gefälle 21,5 Meter beträgt, begannen 1798 und waren in einigen Jahren so weit vorgeschritten, daß der Fluß mit Oderkähnen von 30 Metern Länge befahren werden konnte. Nun vergegenwärtigte man sich wieder dem Vorteil eines Wasserweges nach dem Mauersee. Oberlandesbaudirektor Eitelwein und Wasserbaudirektor Wutzki bereisten die Provinz, insbesondere die Gegenden zwischen den beiden großen Seen, der letztere setzte an 10 Punkten Pegel zur Beobachtung der Wasserstände; man dachte an Aufräumung der verfallenen Kanäle und zog auch wieder das Projekt eines Kanals nach dem Allefluß hervor, da kam der schreckliche Krieg von 18o6 und 18o7, der dem Staate wieder die beiden Provinzen Neu-Ostpreußen und Süd-Preußen raubte, und alle Pläne nahmen ein jähes Ende.

 

Erst 50 Jahre später ist die Herstellung der masurischen Wasserstraße in einer den Anforderungen der Neuzeit genügenden Weise gelungen. Bald nach dem Regierungsantritte Friedrich Wilhelm IV. (184o) erhielt der Wasserbauinspektor Gerosch aus Tilsit den Auftrag, die alten Flößkanäle zu bereisen und einen Anschlag über ihre ordnungsgemäße Aufräumung zu fertigen. Sein Antrag ein Profil von 2o Fuß Sohlenbreite, eine zweifache Böschungsanlage und 3 Fuß Wassertiefe bei niedrigstem Wasserstande zu geben, wurde genehmigt. In den Jahren 1844 bis 1848 wurden die Arbeiten zwischen dem Spirding- und Mauersee ausgeführt. Zwischen dem Taltowiskosee und dem Talter Gewässer zog man es vor, einen neuen Kanal zu graben; - der alte lief vom Südende des Taltowisko in südlicher Richtung nach jenem Gewässer. – Zur Verbindung des Spirdingsees mit dem Pissekflusse erschien nach eingehender Untersuchung ein Durchstich vom Sextersee, der südlichsten Bucht des Spirding, nach dem Rosch- oder Warschausee am zweckmäßigsten; derselbe erwies weniger kostspielig als die Aufräumung der alten Wasserstraße (über den Biallolacker und Kesselsee) und verkürzte den Weg um 2o Kilometer. Der Ausbau des Kanals (3o Fuß Sohlenbreite, dreifache Böschungsanlage, 4 Fuß Wassertiefe bei niedrigstem Wasserstande) erfolgte in den Jahren 1845 bis 1849. In diesem Zustande bleiben die masurischen Kanäle bis zum Jahre 1854, wo das Bedürfnis eintrat, die Wasserverbindung auch für den Dampfschiffsverkehr einzurichten. Die Profile der Kanäle reichten für die "Masovia", den ersten Dampfer, der die Weichsel, den Bug, die Narve und unter großen Beschwerden auch den Pissek heraufkam (hier waren Untiefen auszubaggern, Brücken abzutragen und wieder aufzubauen u. dergl.), bei weitem nicht aus. Die Arbeiten der Verbreiterung und Vertiefung der Kanäle wurden in den Jahren 1854 bis 1857 ausgeführt, doch konnte die "Masovia" schon 1856 zum ersten Male nach Angerburg dampfen.

 

Diese "Masovia", das erste Dampfboot, das sie masurischen Seen befuhr, brachte auch den König Friedrich Wilhelm IV. im Jahre 1854 von Rhein über Nikolaiken nach der Insel Fort Lyck und nach Guszianka. Es war in Königsberg gebaut und von dem Kapitän Jankowski und dem Maschinenführer Pahlke nach Johannisburg heraufgeführt worden. Diesen Weg nahmen auch die meisten der später gebauten Dampfer, so die kleine "Kruppa" (vorher "Bertha" genannt) von Berlin her, daß auf der Schichauschen Werft in Elbing 1871 gebaute Dampfschiff "Lötzen", das der Schiffszimmermann Koch herbrachte, ferner der noch jetzt im Betrieb stehende "Franz" der 1877 von Königsberg kommende "Flink" und der 1879 in Küstrin gebaute Dampfer "Jagodnen". Im Jahre 1891 versuchte auf dem selben Wege von Hamburg her die "Bertha" (später "Masovia", heute "Kermusa" genannt) Johannisburg zu erreichen, um in den Dienst der neugegründeten "Gesellschaft zur Erleichterung des Personenverkehrs auf den Masurischen Seen" in Lötzen zu treten, aber sie erwies sich zu breit und kam nicht durch. Sie ging deshalb zurück und wurde von Danzig mit der Eisenbahn nach Lötzen befördert befördert. Der Schrauben-Salon-Dampfer "Löwentin", der auf der Fechterschen Werft erbaut worden ist, kam in drei Teilen mit der Bahn nach Lötzen und wurde hier zusammengesetzt. Außer diesem Schiff gehören der Lötzener Dampferkompagnie noch die "Möwe" und der "Ernst", welch letzterer sich als "Barbara" im Kriege einen Namen gemacht hat. Wenn diese hier genannten Wasserfahrzeuge schon zur Belebung des Bildes der masurischen Seen beitragen, so bringt es der in ungeahnter Weise immer mehr in Aufnahme kommende Wassersport mit sich, daß an schönen Sommernachmittagen besonders auf dem Löwentinsee sich eine schier unglaubliche Zahl von Ruder-, Segel-, Motorbooten und kleinen Dampfern tummelt.

 

Die über die Wasserstraßen führenden zehn Brücken, die im Jahre 18o7 bei den Kriegsoperationen größtenteils abgebrannt, später nur mit kleinen Mastdurchlässen hergestellt worden waren, erhielten große Aufzugsklappen. Die Dampfer darunter hinweg, indem sie die Schornsteine umlegen. Manche Übelstände, die sich in dieser Zeit oder später herausstellten, suchte man zu beseitigen; man baute unzweckmäßig angelegte Molen um, glich starke Biegungen aus und vertiefte flache Stellen im Fahrwasser durch Baggerungen. Den Lauf des Pissek von seinem Austritte aus dem Warschausee bis zur Brücke in Johannisburg verbesserte man wesentlich durch Anlegung von Buhnen. Von großer Bedeutung war endlich der Anschluß der 2 Meter höher liegenden, in das Herz der 964 Quadratkilometer (17,5 Quadratmeilen) großen Johannisburger Heide führenden Gewässer durch den Bau einer Schiffsschleuse in Guszianka (siehe oben) der 1879 in Holz, zwanzig Jahre später massiv ausgeführt wurde. Nun ist es denn dem Holzhandel wie auch dem Personenverkehr dienenden Dampfern möglich, sich auf einer etwa 100 Kilometer langen Wasserstraße frei zu bewegen.

 

An 6 Punkten wird die masurische Wasserstraße von Eisenbahnen berührt oder überschritten, in Angerburg von der Gerdauen-Goldaper Linie, in Lötzen seit 1868 von der Ostpreußischen Südbahn (Königsberg-Prostken), in Nikolaiken und Eckertsberg von der Sensburg-Lycker, in Rudczanny und Johannisburg seit 1883 von der Allenstein-Lycker Bahnlinie. Interessant ist, daß 1891 bei der Schüttung des Eisenbahndammes in Eckertsberg infolge des Druckes der Boden des Tirckosees sich hob und zwei Reihen von eichenen Pfählen, die oben angebrannt waren, zum Vorschein kamen, was einmal darauf hinweist, daß die um 155o erbaute Brücke von Tataren 1657 verbrannt worden ist, sodann daß damals der Wasserstand erheblich niedriger war.

 

Der Holzhandel hat seit dem Bau dieser Eisenbahnen bedeutend an Ausdehnung gewonnen; die zahl der Schneidemühlen unmittelbar an der Wasserstraße hat die Höhe von 14 erreicht (davon arbeiten in Ruczanny allein fünf), und das masurische Holz ist eine Ware des Weltmarktes geworden.

 

Dringend notwendig ist jetzt noch die schon begonnene, durch den Krieg leider unterbrochene Wasserverbindung vom Nordende des Mauersees nach der Alle, der sogenannte Masurische Schiffahrtskanal. Ungleich wichtiger noch wäre der Ostkanal, die Verbindung der großen masurischen Seen mit der Weichsel und dadurch mit Berlin und …………